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Mittelstand: Abschied von gestern
Impuls: Als mittelständisch
gelten Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern und nicht mehr als
50 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Was ist für Sie typisch
mittelständisch?
Berghoff: Der klassische Mittelstand lässt sich nicht allein
quantitativ definieren. Er ist durch verschiedene betriebliche und
soziokulturelle Merkmale geprägt. Zum Beispiel dadurch, dass
Kapitalmehrheit und Firmenleitung in einer Hand liegen. Außerdem wird
das Unternehmen häufig von Generation zu Generation weitervererbt.
Damit gehen oft ein patriarchalischer Führungsstil und eine enge
emotionale Bindung an die Firma einher. Doch seit den siebziger Jahren
vollzieht sich ein fundamentaler Umbruch, der den Abschied vom
klassischen Mittelstand einläutet.
Impuls: Woran lässt sich dieser Umbruch festmachen?
Berghoff: Der
Generationswechsel funktioniert nicht mehr so reibungslos wie früher.
Die Erben mittelständischer Unternehmen betrachten es immer seltener
als selbstverständlich, sich lebenslang dem elterlichen Geschäft zu
widmen. Darüber hinaus hat sich durch die Globalisierung der
Wettbewerbsdruck erhöht. Insbesondere in wissensintensiven
Bereichen wie der IT-Branche werden die Lebenszyklen für einzelne
Produkte immer kürzer. Deshalb muss sich ein Mittelständler heutzutage
mehr anstrengen, um konkurrenzfähig zu bleiben.
Impuls: Ergeben sich für den Mittelstand auch Chancen durch den Strukturwandel?
Berghoff: Führt ein
familienfremder Manager das Unternehmen, dann ist es leichter,
„traditionelle Hürden“ zu überwinden. Die Chance besteht darin, dass
sich mittelständische Unternehmen in stärkerem Maße öffnen – und zwar
sowohl für externe Kompetenzen als auch für externes Kapital. Der Markt
für Risikokapital ist in Deutschland allerdings noch unterentwickelt.
Dieses Venture Capital ist eine gute Möglichkeit, unternehmerische
Entwicklungen zu befördern. Insbesondere, da es durch Basel II für
Banken schwieriger wird, mittelständische Unternehmen mit Krediten zu
versorgen.
Impuls: Muss sich der Mittelstand spezialisieren, um mit Großunternehmen konkurrieren zu können?
Berghoff: Es ist sicherlich eine Stärke des Mittelstands, dass
er Nischenpositionen zu besetzen vermag. So kann er seine Flexibilität
besonders gut ausspielen. Sobald andere Unternehmen in die Nische
vordringen, wird es jedoch gefährlich. Das haben wir bereits in den
siebziger Jahren in der Kamera- und Uhrenfertigung erlebt: Die meisten
deutschen Mittelständler dieser Branchen verschwanden vom Markt, da sie
die Digitalisierung nicht früh genug betrieben haben.
Impuls: Über 99 Prozent aller
Unternehmen sind mittelständisch. Woran liegt es, dass ein Großteil der
Innovationen trotzdem in Großkonzernen entsteht?
Berghoff: Wählt man die
Statistiken der Patentämter als Kriterium für die Innovationsfähigkeit,
so mag das stimmen. Der Mittelstand ist jedoch keineswegs weniger,
sondern anders innovativ. Großunternehmen melden oftmals sehr viel mehr
Patente an, als sie später verwerten. Kleine und mittlere Firmen liegen
hingegen bei der Umsetzung marktfähiger Produkte weit vorne. Sie
arbeiten sehr anwendungsbezogen, während große Unternehmen eher
Grundlagenforschung betreiben.
Impuls: Die Initiative „Partner
für Innovation“ hat sich zum Ziel gesetzt, die Innovationskraft in KMU
zu stärken. Wie kann der Mittelstand auch in Zukunft erfolgreich und
innovativ bleiben?
Berghoff: Letztlich können
Initiativen oder Wissenschaftler nur Impulse und Anregungen geben, ihre
Innovationskraft müssen die Unternehmen selbst stärken. Aber es gibt
natürlich Probleme, wie etwa den Mangel an Kapital und den Zugang zu
Forschungsinstitutionen und Fördermitteln. Hier müssen die
entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden, damit KMU
Innovationen finanzieren und entwickeln können. Zur Sicherung seiner
Zukunftsfähigkeit hat der Mittelstand den Spagat zu vollbringen, alte
Stärken wie Kontinuität und Stabilität zu bewahren und zugleich
flexibler und kurzfristiger zu handeln.
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