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Anleitung zum neuen Denken
Innovationen sind gefragt, vielleicht
gefragter denn je. In der Wirtschaft und in der Wissenschaft. Aber wie entsteht eine Innovation eigentlich?
Was passiert in unserem Kopf, wenn wir Neues denken? Und vor allem:
Welche Voraussetzungen brauchen wir, um Lösungen zu sehen, die andere
übersehen? Ein Beitrag von Bas Kast.
Zunächst brauchen wir einen offenen Kopf. Kein Versuch illustriert das
eindrucksvoller als der des britischen Psychologen Richard Wiseman. Der
Forscher gab einer Gruppe von Testpersonen eine Zeitung mit der Bitte,
die Fotos darin zu zählen. Die meisten brauchten für die Aufgabe etwa
zwei Minuten. Das Verblüffende dabei war: Kein einziger von ihnen
beachtete die Überschrift, die der Psychologe in großen Lettern auf der
zweiten Seite der Zeitung platziert hatte: „Hören Sie auf zu zählen. Es
sind 43 Fotos in dieser Zeitung!“
Weiter hinten im Blatt hatte der Wissenschaftler
eine zweite, noch größere Überschrift gestellt: „Hören Sie auf zu
zählen. Sagen Sie dem Versuchsleiter, dass Sie diesen Satz gelesen
haben, und kassieren Sie dafür 100 Pfund!“ Die frohe Botschaft füllte
mehr als eine halbe Seite. Und doch, keiner der eifrig Zählenden nahm
sie zur Kenntnis. Alle hatten sie nur Augen für die Bilder.
Höchstmögliche Zielstrebigkeit und Effizienz stehen der Entdeckung des
Neuen im Weg. Wer Innovationen fordert, muss Verschwendung erlauben, ja
fördern. Denn wer das Unerwartete sehen will, muss Situationen neu
bewerten, immer wieder. Er muss seine Umwelt auf Unerwartetes hin
abklopfen. Ständig.
Das Gehirn mag das Bewährte
Auch das Gehirn setzt instinktiv auf Effizienz, auch
deshalb sind Innovationen so selten: Das Gehirn mag das Bewährte. Es
hat schlicht nicht die Kapazität, jede Situation und jeden Reiz
andauernd neu zu beurteilen. Wenn Sie gerade einen Text über
Innovationen lesen, ist es wenig hilfreich, dabei zugleich Gedanken
über Ihren großen Zeh anzustellen. Die Reize Ihres Zehs treffen zwar
die ganze Zeit in Ihr Gehirn ein – sie dringen aber die meiste Zeit
nicht bis zu Ihrem Bewusstsein vor. Ihr Bewusstsein wäre überfordert
mit diesem Wust an Informationen. Also blendet es aus, lässt weg,
übersieht. Keine unvernünftige Strategie: Wessen Aufgabe es ist, die
Fotos einer Zeitung zu zählen, der lenkt seine Aufmerksamkeit mit dem
Lesen der Überschriften nur ab. Zumindest meistens … Denn es gibt
Situationen, in denen diese Strategie nicht aufgeht: immer dann, wenn
sich das vermeintlich Irrelevante doch als relevant erweist. Nun
entfaltet das verschwenderische Vorgehen seine Vorzüge. Das
demonstriert auch ein Experiment von Forschern der Harvard-Universität.
Die Wissenschaftler spielten ihren Probanden nacheinander diverse
Wortsilben vor. Die Aufgabe der Versuchspersonen bestand darin, zu
zählen, wie oft dabei eine bestimmte Wortsilbe („bim“) auftaucht. Um
das Ganze etwas zu erschweren, lenkten die Forscher die Testpersonen
hin und wieder mit einem kurzen Störgeräusch ab. Nach und nach lernten
die Leute, das Störgeräusch zu ignorieren. Ihr Gehirn blendete es aus.
Störreize liefern wertvolle Informationen
Im anschließenden, entscheidenden Test bekam der Störreiz auf
einmal eine wichtige Funktion. Die Wissenschaftler hatten die Probanden
nun dazu aufgefordert, auf einem Bildschirm gelbe Scheiben auszumachen.
Dabei kündigte das „Störgeräusch“ das Auftauchen einer solchen Scheibe
an. Aus dem Störreiz war stillschweigend eine wertvolle Informationsquelle
geworden. Wie würden die Testpersonen mit diesem „Shift“ umgehen? Es
zeigte sich: Die Probanden, die in Kreativitätstests besonders gut
punkteten, erkannten schneller als andere, dass der Störreiz auf einmal
nützlich geworden war. Kreative Menschen zeichnen sich also dadurch
aus, dass der Filter in ihrem Gehirn, der scheinbar Irrelevantes
ausblendet, löchrig ist. Menschen, die auf Neues stoßen, haben die
Neigung, Informationen an sich ranzulassen, die andere längst als
lästig abgetan haben. Diese Offenheit ist nicht ohne Risiken.
Immer lauert die Gefahr, sich zu verzetteln. Auch
Schizophrene schneiden in Tests wie denen der Harvard-Forscher
auffallend gut ab – bei ihnen scheint die extreme Offenheit das Hirn
nachgerade zu überfluten, die Folge: Denkstörungen, Halluzinationen.
Wer wirklich innovativ sein will, braucht somit, neben dem löchrigen
Filter, zusätzlich kognitive Instanzen, die das kreative Chaos im Kopf
zügeln. Dazu gehören vermutlich ein gutes Arbeitsgedächtnis sowie eine
hohe Intelligenz.
Neues Denken als komplexes Nervengewitter
Und das führt uns ins Gehirn, den Ursprung aller Innovationen.
Hohe Intelligenz hängt nämlich entscheidend von einem wohlvernetzten
Hirn ab. Gedanken entstehen aus der Kommunikation zwischen Nervenzellen. Unsere Nervenzellen, die
Neuronen, sind hochgradig verbunden, sie stimulieren und hemmen sich
ständig gegenseitig. Sobald Sie etwas wahrnehmen oder einen Gedanken
fassen, aktiviert sich in Ihrem Kopf eine ganz bestimmte Koalition von
Neuronen. Meist bilden die Neuronen ähnliche Koalitionen, das heißt,
meist nehmen wir Ähnliches wahr, fassen ähnliche Gedanken. Offen für
neue Reize zu sein, ist eine Möglichkeit, dieser Falle zu entgehen: Auf
einmal flackert ein nie da gewesenes Aktivitätsmuster im Kopf auf – wir
nehmen etwas Neues wahr oder ein neuer Gedanke wird gerade geboren.
Wer kreativ sein will, muss viel ausprobieren
Dabei gilt folgende Faustregel: Je vernetzter das Gehirn ist,
umso höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt eine neue
Koalition im Kopf zu Stande kommt. Denn je zahlreicher die
Verbindungen, die den Neuronen grundsätzlich zur Verfügung stehen, umso
größer ist die Auswahl an möglichen neuen Verknüpfungen – umso mehr
neue Gedanken lassen sich fassen. Die Erziehung liefert einen wichtigen
Beitrag dazu, wie vielfältig die Vernetzung des Gehirns ausfällt. So
ließ man in einem klassischen Experiment eine Gruppe von Ratten in
einem öden Käfig aufwachsen, und zwar jedes Tier für sich. Eine andere
Gruppe von Ratten wuchs gemeinsam auf; darüber hinaus war ihr Käfig mit
reichlich Spielzeug, etwa einer Tretmühle und einem Tunnel,
ausgestattet. Am Ende allerdings ereilte alle Ratten das gleiche
unangenehme Schicksal. Sie wurden getötet, ihre Hirne seziert, gefärbt
und unters Mikroskop gelegt. Dabei offenbarte sich: Die Gehirne der
Ratten, die in ihrer Jugend allein und in Reizarmut verbracht hatten,
waren mit weniger Neuronen und Synapsen – die Kontaktstellen zwischen
den Neuronen – ausgestattet als Artgenossen, die ihr Leben in
anregender Gesellschaft und Umgebung verbracht hatten. Fazit: Eine
natürliche, stimulierende Umwelt fördert die Vernetzung im Kopf, und
damit vermutlich auch die Intelligenz und Kreativität.
Hirnverbindungen, die nicht genutzt werden, verkümmern. Insofern
gleicht das Gehirn tatsächlich einem Muskel. Nicht umsonst trainierten
viele Genies ihren Muskel namens Gehirn ohne Ende. Einstein büffelte
zehn Jahre lang Mathematik, bevor er die allgemeine Relativitätstheorie
formulieren konnte. Übrigens: Die letzten 30 Jahre seines Lebens
verzettelte sich Einstein in der Suche nach der „Weltformel“ –
vielleicht auch kein Zufall? Sicher aber ist: Neues Denken entsteht nie
aus dem Nichts. Es bedeutet immer zunächst: Wissen ansammeln, lernen.
Wissen, das heißt neuronale Vernetzung, ist die Grundvoraussetzung für neues Wissen. Und dann kommt wieder die
Verschwendung ins Spiel. Das Wissen reicht nicht, man muss es neu
kombinieren. Doch die meisten dieser neuen Kombinationen sind schlecht,
die meisten neuen Ideen sind schlecht. Wer kreativ sein will, muss viel
ausprobieren und dann auslesen – wie es die Natur tut. Neuronaler
Darwinismus. Irrwege sind unvermeidlich, Frustrationen vorprogrammiert.
Dann aber kann es sein, dass uns plötzlich das Unerwartete passiert:
Wir denken das Neue.
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