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Bas Kast ist Autor der Bücher „Revolution im Kopf. Die Zukunft des Gehirns“ (2003) und „Die Liebe und wie sich die Leidenschaft erklärt“ (2004). Kast arbeitete nach dem Studium der Psychologie und Biologie als freier Journalist unter anderem für „Die Zeit“. Heute ist er Wissenschaftsredakteur der Berliner Tageszeitung „Der Tagesspiegel“.
Anleitung zum neuen Denken
Innovationen sind gefragt, vielleicht gefragter denn je. In der Wirtschaft und in der Wissenschaft. Aber wie entsteht eine Innovation eigentlich? Was passiert in unserem Kopf, wenn wir Neues denken? Und vor allem: Welche Voraussetzungen brauchen wir, um Lösungen zu sehen, die andere übersehen? Ein Beitrag von Bas Kast.

Zunächst brauchen wir einen offenen Kopf. Kein Versuch illustriert das eindrucksvoller als der des britischen Psychologen Richard Wiseman. Der Forscher gab einer Gruppe von Testpersonen eine Zeitung mit der Bitte, die Fotos darin zu zählen. Die meisten brauchten für die Aufgabe etwa zwei Minuten. Das Verblüffende dabei war: Kein einziger von ihnen beachtete die Überschrift, die der Psychologe in großen Lettern auf der zweiten Seite der Zeitung platziert hatte: „Hören Sie auf zu zählen. Es sind 43 Fotos in dieser Zeitung!“

Weiter hinten im Blatt hatte der Wissenschaftler eine zweite, noch größere Überschrift gestellt: „Hören Sie auf zu zählen. Sagen Sie dem Versuchsleiter, dass Sie diesen Satz gelesen haben, und kassieren Sie dafür 100 Pfund!“ Die frohe Botschaft füllte mehr als eine halbe Seite. Und doch, keiner der eifrig Zählenden nahm sie zur Kenntnis. Alle hatten sie nur Augen für die Bilder. Höchstmögliche Zielstrebigkeit und Effizienz stehen der Entdeckung des Neuen im Weg. Wer Innovationen fordert, muss Verschwendung erlauben, ja fördern. Denn wer das Unerwartete sehen will, muss Situationen neu bewerten, immer wieder. Er muss seine Umwelt auf Unerwartetes hin abklopfen. Ständig.

Das Gehirn mag das Bewährte

Auch das Gehirn setzt instinktiv auf Effizienz, auch deshalb sind Innovationen so selten: Das Gehirn mag das Bewährte. Es hat schlicht nicht die Kapazität, jede Situation und jeden Reiz andauernd neu zu beurteilen. Wenn Sie gerade einen Text über Innovationen lesen, ist es wenig hilfreich, dabei zugleich Gedanken über Ihren großen Zeh anzustellen. Die Reize Ihres Zehs treffen zwar die ganze Zeit in Ihr Gehirn ein – sie dringen aber die meiste Zeit nicht bis zu Ihrem Bewusstsein vor. Ihr Bewusstsein wäre überfordert mit diesem Wust an Informationen. Also blendet es aus, lässt weg, übersieht. Keine unvernünftige Strategie: Wessen Aufgabe es ist, die Fotos einer Zeitung zu zählen, der lenkt seine Aufmerksamkeit mit dem Lesen der Überschriften nur ab. Zumindest meistens … Denn es gibt Situationen, in denen diese Strategie nicht aufgeht: immer dann, wenn sich das vermeintlich Irrelevante doch als relevant erweist. Nun entfaltet das verschwenderische Vorgehen seine Vorzüge. Das demonstriert auch ein Experiment von Forschern der Harvard-Universität. Die Wissenschaftler spielten ihren Probanden nacheinander diverse Wortsilben vor. Die Aufgabe der Versuchspersonen bestand darin, zu zählen, wie oft dabei eine bestimmte Wortsilbe („bim“) auftaucht. Um das Ganze etwas zu erschweren, lenkten die Forscher die Testpersonen hin und wieder mit einem kurzen Störgeräusch ab. Nach und nach lernten die Leute, das Störgeräusch zu ignorieren. Ihr Gehirn blendete es aus.

Störreize liefern wertvolle Informationen

Im anschließenden, entscheidenden Test bekam der Störreiz auf einmal eine wichtige Funktion. Die Wissenschaftler hatten die Probanden nun dazu aufgefordert, auf einem Bildschirm gelbe Scheiben auszumachen. Dabei kündigte das „Störgeräusch“ das Auftauchen einer solchen Scheibe an. Aus dem Störreiz war stillschweigend eine wertvolle Informationsquelle geworden. Wie würden die Testpersonen mit diesem „Shift“ umgehen? Es zeigte sich: Die Probanden, die in Kreativitätstests besonders gut punkteten, erkannten schneller als andere, dass der Störreiz auf einmal nützlich geworden war. Kreative Menschen zeichnen sich also dadurch aus, dass der Filter in ihrem Gehirn, der scheinbar Irrelevantes ausblendet, löchrig ist. Menschen, die auf Neues stoßen, haben die Neigung, Informationen an sich ranzulassen, die andere längst als lästig abgetan haben. Diese Offenheit ist nicht ohne Risiken.

Immer lauert die Gefahr, sich zu verzetteln. Auch Schizophrene schneiden in Tests wie denen der Harvard-Forscher auffallend gut ab – bei ihnen scheint die extreme Offenheit das Hirn nachgerade zu überfluten, die Folge: Denkstörungen, Halluzinationen. Wer wirklich innovativ sein will, braucht somit, neben dem löchrigen Filter, zusätzlich kognitive Instanzen, die das kreative Chaos im Kopf zügeln. Dazu gehören vermutlich ein gutes Arbeitsgedächtnis sowie eine hohe Intelligenz.

Neues Denken als komplexes Nervengewitter

Und das führt uns ins Gehirn, den Ursprung aller Innovationen. Hohe Intelligenz hängt nämlich entscheidend von einem wohlvernetzten Hirn ab. Gedanken entstehen aus der Kommunikation zwischen Nervenzellen. Unsere Nervenzellen, die Neuronen, sind hochgradig verbunden, sie stimulieren und hemmen sich ständig gegenseitig. Sobald Sie etwas wahrnehmen oder einen Gedanken fassen, aktiviert sich in Ihrem Kopf eine ganz bestimmte Koalition von Neuronen. Meist bilden die Neuronen ähnliche Koalitionen, das heißt, meist nehmen wir Ähnliches wahr, fassen ähnliche Gedanken. Offen für neue Reize zu sein, ist eine Möglichkeit, dieser Falle zu entgehen: Auf einmal flackert ein nie da gewesenes Aktivitätsmuster im Kopf auf – wir nehmen etwas Neues wahr oder ein neuer Gedanke wird gerade geboren.

Wer kreativ sein will, muss viel ausprobieren

Dabei gilt folgende Faustregel: Je vernetzter das Gehirn ist, umso höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt eine neue Koalition im Kopf zu Stande kommt. Denn je zahlreicher die Verbindungen, die den Neuronen grundsätzlich zur Verfügung stehen, umso größer ist die Auswahl an möglichen neuen Verknüpfungen – umso mehr neue Gedanken lassen sich fassen. Die Erziehung liefert einen wichtigen Beitrag dazu, wie vielfältig die Vernetzung des Gehirns ausfällt. So ließ man in einem klassischen Experiment eine Gruppe von Ratten in einem öden Käfig aufwachsen, und zwar jedes Tier für sich. Eine andere Gruppe von Ratten wuchs gemeinsam auf; darüber hinaus war ihr Käfig mit reichlich  Spielzeug, etwa einer Tretmühle und einem Tunnel, ausgestattet. Am Ende allerdings ereilte alle Ratten das gleiche unangenehme Schicksal. Sie wurden getötet, ihre Hirne seziert, gefärbt und unters Mikroskop gelegt. Dabei offenbarte sich: Die Gehirne der Ratten, die in ihrer Jugend allein und in Reizarmut verbracht hatten, waren mit weniger Neuronen und Synapsen – die Kontaktstellen zwischen den Neuronen – ausgestattet als Artgenossen, die ihr Leben in anregender Gesellschaft und Umgebung verbracht hatten. Fazit: Eine natürliche, stimulierende Umwelt fördert die Vernetzung im Kopf, und damit vermutlich auch die Intelligenz und Kreativität. Hirnverbindungen, die nicht genutzt werden, verkümmern. Insofern gleicht das Gehirn tatsächlich einem Muskel. Nicht umsonst trainierten viele Genies ihren Muskel namens Gehirn ohne Ende. Einstein büffelte zehn Jahre lang Mathematik, bevor er die allgemeine Relativitätstheorie formulieren konnte. Übrigens: Die letzten 30 Jahre seines Lebens verzettelte sich Einstein in der Suche nach der „Weltformel“ – vielleicht auch kein Zufall? Sicher aber ist: Neues Denken entsteht nie aus dem Nichts. Es bedeutet immer zunächst: Wissen ansammeln, lernen. Wissen, das heißt neuronale Vernetzung, ist die Grundvoraussetzung für neues Wissen. Und dann kommt wieder die Verschwendung ins Spiel. Das Wissen reicht nicht, man muss es neu kombinieren. Doch die meisten dieser neuen Kombinationen sind schlecht, die meisten neuen Ideen sind schlecht. Wer kreativ sein will, muss viel ausprobieren und dann auslesen – wie es die Natur tut. Neuronaler Darwinismus. Irrwege sind unvermeidlich, Frustrationen vorprogrammiert. Dann aber kann es sein, dass uns plötzlich das Unerwartete passiert: Wir denken das Neue.


Innovationsplattform der Initiative
Es ist wohl kein Zufall, dass „Angst“ eines der wenigen deutschen Wörter ist, das in der englisch Sprache vorkommt. Deutschland ist heute nicht nur das Land der Dichter und Denker, es wird immer mehr zum Land der Untergangspropheten und Angsthasen. Ein Gastbeitrag von Peter Bofinger.
Die betriebliche Arbeits- und Leistungspolitik orientiert sich zunehmend an der globalen Wettbewerbsfähigkeit. Nicht selten schwinden dadurch die Chancen, die individuellen Potenziale einzelner Mitarbeiter optimal zu nutzen.
www.acatech.de www.basf.de www.bdi-online.de www.bertelsmann.de www.thyssenkrupp.de www.bundesregierung.de www.celon.de www.dfki.de www.dgb.de www.telekom.de www.harting.de www.hu-berlin.de www.ibm.de www.lufthansa.de www.rolandberger.com www.schering.de www.siemens.de www.enbw.de http://www.fraunhofer.de/fhg/company/leading-edge_innovations/index.jsp