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Abschied aus dem Jammertal: Mehr Innovation durch Motivation
In Deutschland hat derzeit nur das
Jammern Konjunktur. Eine der weltgrößten Volkswirtschaften ist
psychisch krank. Die Therapie heißt: mehr Selbstbewusstsein und mehr
Mut. Denn Deutschland hat weniger ein Reform- als ein
Motivationsproblem. Ein Denkanstoß von Hajo Schumacher.
Eines der berühmtesten Experimente der Motivationspsychologie ist über
40 Jahre alt. Im Frühjahr 1964 besucht der junge Harvard-Professor
Robert Rosenthal die Oak School in South San Francisco. Die meisten der
650 Kinder stammen aus sozial schwächeren Schichten, aber das Klima ist
okay. Es herrscht unbeschwerte Verwahrlosung. Viele Kinder könnten ein
Bad gebrauchen.
Rosenthal gibt vor, diejenigen Schüler benennen zu
können, die in den kommenden Monaten besondere Lernfortschritte machen
würden. Der Professor macht in allen sechs Jahrgängen seine Tests, dann
teilt er den Lehrern vertraulich die Namen jener Schnell-Lerner mit: Es
sind 20 Prozent. Als Rosenthal im Jahr darauf an die Oak School kommt
und den IQ der Schüler misst, stellt er zufrieden fest, dass er mit
seinen Prognosen richtig lag. Fast alle Kinder, die er genannt hatte,
weisen deutliche Sprünge auf. Hatte der Professor tatsächlich ein
derart präzises Verfahren entwickelt? Nein, Rosenthal verstand nur
etwas von Psychologie. Einen neuartigen Test hatte es nie gegeben. Der
Wissenschaftler hatte bei seinem ersten Besuch lediglich jeden IQ
gemessen. Die Ergebnisse aber hatte er sich nie angesehen, sondern
weggeschlossen. Er wusste nicht, welcher Schüler wie intelligent ist;
erst recht wusste er nicht, wer Fortschritte machen würde. Die 20
Prozent, die er den Lehrern verriet, hatte er nach dem Zufallsprinzip
ausgewählt.
Das bahnbrechende Ergebnis des Rosenthal-Experiments
lautete: Am besten schnitten nicht die klügsten Schüler ab, sondern
die, die als besonders hoffnungsvoll angesehen wurden. Offenbar wurden
diese Schüler von ihren Lehrern unterbewusst respektvoller behandelt,
angespornt, mehr gefördert und gefordert. So kam es zur self-fulfilling
prophecy: Schüler, denen etwas zugetraut wurde, lernten tatsächlich
schneller mehr als andere. Robert Rosenthal stieg zu einem der
anerkanntesten Sozialpsychologen des 20. Jahrhunderts auf. In über
1.000 Studien sind seine Erkenntnisse vertieft worden. Auch die
Umkehrung wurde bewiesen: Die Leistung von Schülern, Mitarbeitern oder
Sportlern sinkt schlagartig, wenn man sie als Trottel oder
Schlappschwänze behandelt.
Hohe Leistungen durch große Erwartungen
Mit den Rosenthal-Thesen lässt sich das Fußball-Wunder vom Sommer 2004
erklären, als eine durchschnittliche griechische Nationalelf völlig
unerwartet Europameister wurde. Otto Rehagel hat aus der Rolle des
Underdogs heraus eine gewaltige Motivation entfacht, die
fußballerischer Kunstfertigkeit überlegen war. Es scheint eine
Atmosphäre zu geben, die durchschnittlich Begabte zu
überdurchschnittlichen Leistungen motiviert. Sporttrainer kennen dieses
Phänomen so gut wie Unternehmer, Chefredakteure oder Parteivorsitzende:
Fleiß und Engagement, Lust und Erfolg hängen nur bedingt von
Fähigkeiten ab, von Ausbildung oder Bezahlung.
Dieses Mikroklima lässt sich nicht erzwingen.
Herrscht es aber, sind die Effekte beträchtlich. Und die lassen sich
nach Rosenthal in vier Sätzen zusammenfassen:
- Hohe Erwartungen führen zu besseren Leistungen.
- Niedrige Erwartungen führen zu schwächeren Leistungen.
- Bessere Leistungen, hervorgerufen durch hohe Erwartungen, lassen uns jemanden eher wertschätzen.
- Schlechtere Leistungen, hervorgerufen durch niedrige Erwartungen,
führen dazu, dass wir jemanden geringer schätzen.
Man kann den Rosenthal-Effekt mit einer Wendeltreppe vergleichen:
Dauerhaft hohe Erwartungen führen zu dauerhaft hohen Leistungen, führen
zu höherer Wertschätzung, führt wiederum zu höheren Erwartungen, führen
zu besseren Leistungen. Es entsteht eine stabil aufwärts gerichtete
Dynamik, die nicht nur den Einzelnen, sondern ganze Gruppen stimulieren
kann. Umgekehrt führen niedrige Erwartungen zu einem stetigen
Abwärtstrend. Mit seinen simplen Versuchen hat Robert Rosenthal der
Welt eine unschätzbare Erkenntnis geschenkt: Klarer als eine
Business-Class-Ladung von Unternehmensberatern hat er gezeigt, wie sich
Wachstumspotenziale ausschöpfen lassen, aber auch, wie sie zu
vernichten sind.
Betrachtet man die Welt durch die Rosenthal-Brille,
sticht ein Experiment heraus: Es dauert schon viele Jahre und findet in
einem Großlabor mit über 80 Millionen Probanden statt. Fast jeder
verwendet erstaunliche Energie darauf, dem anderen mitzuteilen, was er
nicht kann, dass er nichts taugt, faul ist, egoistisch und
selbstzufrieden. Täglich werden die Versuchspersonen zudem neuen
Hiobsbotschaften ausgesetzt. Sie lauten: „Kein Kurs. Nirgends. Politik
ohne Konzept“ – „Schwarzarbeit: Sind wir ein Volk von Kriminellen?“ –
„Vom Ende einer Wirtschaftsmacht“– „Agenda, Aufschwung, Arbeitsplätze:
Wer führt uns aus dem Tal der Tränen?“ – „Murks: Wie innovativ ist
unser Land?“ – „Arbeitslos, hoffnungslos, nutzlos.“ – „Viel Streit,
keine Richtung: Wohin treibt das Land?“
Kollektiver Selbsthass
Welch ein grässliches Selbstbild herrscht da? Ein Volk bezichtigt sich
selbst als eine Bande von Versagern, Schlusslichtern, Absteigern,
Kriminellen, abgezockt, ausgebeutet und dumm, regiert von Politikern,
die noch ahnungs- und orientierungs-loser sind als ihre Bürger, dafür
gierig und korrupt. Jedes Jahr sind sie bankrotter, die Sozialsysteme
kaputter, Steuern höher, Politiker unfähiger. Lösungen? Gibt es nicht.
Perspektiven? Keine in Sicht.
In diesem Großlabor herrscht kein Reform-, sondern
ein Motivationsproblem. Denn in Wirklichkeit bieten sich hier alle
Chancen. Aber die Probanden nehmen sie nicht wahr: Sie fühlen sich
elend. Für das Eurostat-Jahrbuch, das die EU-Kommission jedes Jahr
herausgibt, wurde gefragt, wie gesund, wie fit sich diese Menschen
fühlten. „Sehr gut“ oder „gut“ gaben 47 Prozent an. Damit lagen sie auf
dem letzten Platz. In anderen Ländern wie Italien fühlen sich fast 60
Prozent „gut“ oder „sehr gut“, in Holland, Spanien, Belgien und England
waren es um die 70, in Irland und Griechenland gegen 80 Prozent.
Umgekehrt lagen unsere Probanden an der Spitze derer, die sich
„schlecht“ oder „sehr schlecht“ fühlten: 20 Prozent. In vielen anderen
Ländern Mitteleuropas waren es nur zehn, in Holland fünf Prozent, in
Irland noch weniger. Der Rosenthal-Effekt ist in diesem Großlabor
deutlich zu erkennen: Niedrige Erwartungen führen zu schwachen
Leistungen – Wendeltreppe abwärts. Es gibt keine Untersuchungen
darüber, ob ein ganzes Land Opfer seiner eigenen negativen Erwartungen
werden kann. Professor Rosenthal aber, über 80 Jahre alt, findet die
Annahme sehr plausibel. Das Großlabor heißt Deutschland.
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