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Hajo Schumacher lebt als freier Autor in Berlin. Schumacher war elf Jahre Redakteur, Reporter und Ressortleiter beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, zwei Jahre Chefredakteur bei der Zeitschrift MAX. Im März 2005 erscheint sein neues Buch „Kopf hoch, Deutschland“ (siehe Buchtipp). 2004 veröffentlichte Schumacher mit „Roland Koch – verehrt und verachtet“ eine Biographie über den hessischen CDU-Landeschef und zusammen mit Renate Künast forderte er in „Die Dickmacher“ ein Umdenken in der deutschen Ernährungskultur.
Abschied aus dem Jammertal: Mehr Innovation durch Motivation
In Deutschland hat derzeit nur das Jammern Konjunktur. Eine der weltgrößten Volkswirtschaften ist psychisch krank. Die Therapie heißt: mehr Selbstbewusstsein und mehr Mut. Denn Deutschland hat weniger ein Reform- als ein Motivationsproblem. Ein Denkanstoß von Hajo Schumacher.

Eines der berühmtesten Experimente der Motivationspsychologie ist über 40 Jahre alt. Im Frühjahr 1964 besucht der junge Harvard-Professor Robert Rosenthal die Oak School in South San Francisco. Die meisten der 650 Kinder stammen aus sozial schwächeren Schichten, aber das Klima ist okay. Es herrscht unbeschwerte Verwahrlosung. Viele Kinder könnten ein Bad gebrauchen.
    Rosenthal gibt vor, diejenigen Schüler benennen zu können, die in den kommenden Monaten besondere Lernfortschritte machen würden. Der Professor macht in allen sechs Jahrgängen seine Tests, dann teilt er den Lehrern vertraulich die Namen jener Schnell-Lerner mit: Es sind 20 Prozent. Als Rosenthal im Jahr darauf an die Oak School kommt und den IQ der Schüler misst, stellt er zufrieden fest, dass er mit seinen Prognosen richtig lag. Fast alle Kinder, die er genannt hatte, weisen deutliche Sprünge auf. Hatte der Professor tatsächlich ein derart präzises Verfahren entwickelt? Nein, Rosenthal verstand nur etwas von Psychologie. Einen neuartigen Test hatte es nie gegeben. Der Wissenschaftler hatte bei seinem ersten Besuch lediglich jeden IQ gemessen. Die Ergebnisse aber hatte er sich nie angesehen, sondern weggeschlossen. Er wusste nicht, welcher Schüler wie intelligent ist; erst recht wusste er nicht, wer Fortschritte machen würde. Die 20 Prozent, die er den Lehrern verriet, hatte er nach dem Zufallsprinzip ausgewählt.
    Das bahnbrechende Ergebnis des Rosenthal-Experiments lautete: Am besten schnitten nicht die klügsten Schüler ab, sondern die, die als besonders hoffnungsvoll angesehen wurden. Offenbar wurden diese Schüler von ihren Lehrern unterbewusst respektvoller behandelt, angespornt, mehr gefördert und gefordert. So kam es zur self-fulfilling prophecy: Schüler, denen etwas zugetraut wurde, lernten tatsächlich schneller mehr als andere. Robert Rosenthal stieg zu einem der anerkanntesten Sozialpsychologen des 20. Jahrhunderts auf. In über 1.000 Studien sind seine Erkenntnisse vertieft worden. Auch die Umkehrung wurde bewiesen: Die Leistung von Schülern, Mitarbeitern oder Sportlern sinkt schlagartig, wenn man sie als Trottel oder Schlappschwänze behandelt.

Hohe Leistungen durch große Erwartungen
Mit den Rosenthal-Thesen lässt sich das Fußball-Wunder vom Sommer 2004 erklären, als eine durchschnittliche griechische Nationalelf völlig unerwartet Europameister wurde. Otto Rehagel hat aus der Rolle des Underdogs heraus eine gewaltige Motivation entfacht, die fußballerischer Kunstfertigkeit überlegen war. Es scheint eine Atmosphäre zu geben, die durchschnittlich Begabte zu überdurchschnittlichen Leistungen motiviert. Sporttrainer kennen dieses Phänomen so gut wie Unternehmer, Chefredakteure oder Parteivorsitzende: Fleiß und Engagement, Lust und Erfolg hängen nur bedingt von Fähigkeiten ab, von Ausbildung oder Bezahlung.
    Dieses Mikroklima lässt sich nicht erzwingen. Herrscht es aber, sind die Effekte beträchtlich. Und die lassen sich nach Rosenthal in vier Sätzen zusammenfassen:

- Hohe Erwartungen führen zu besseren Leistungen.
- Niedrige Erwartungen führen zu schwächeren Leistungen.
- Bessere Leistungen, hervorgerufen durch hohe Erwartungen, lassen uns jemanden eher wertschätzen.
- Schlechtere Leistungen, hervorgerufen durch niedrige Erwartungen, führen dazu, dass wir jemanden     geringer schätzen.

Man kann den Rosenthal-Effekt mit einer Wendeltreppe vergleichen: Dauerhaft hohe Erwartungen führen zu dauerhaft hohen Leistungen, führen zu höherer Wertschätzung, führt wiederum zu höheren Erwartungen, führen zu besseren Leistungen. Es entsteht eine stabil aufwärts gerichtete Dynamik, die nicht nur den Einzelnen, sondern ganze Gruppen stimulieren kann. Umgekehrt führen niedrige Erwartungen zu einem stetigen Abwärtstrend. Mit seinen simplen Versuchen hat Robert Rosenthal der Welt eine unschätzbare Erkenntnis geschenkt: Klarer als eine Business-Class-Ladung von Unternehmensberatern hat er gezeigt, wie sich Wachstumspotenziale ausschöpfen lassen, aber auch, wie sie zu vernichten sind.
    Betrachtet man die Welt durch die Rosenthal-Brille, sticht ein Experiment heraus: Es dauert schon viele Jahre und findet in einem Großlabor mit über 80 Millionen Probanden statt. Fast jeder verwendet erstaunliche Energie darauf, dem anderen mitzuteilen, was er nicht kann, dass er nichts taugt, faul ist, egoistisch und selbstzufrieden. Täglich werden die Versuchspersonen zudem neuen Hiobsbotschaften ausgesetzt. Sie lauten: „Kein Kurs. Nirgends. Politik ohne Konzept“ – „Schwarzarbeit: Sind wir ein Volk von Kriminellen?“ – „Vom Ende einer Wirtschaftsmacht“– „Agenda, Aufschwung, Arbeitsplätze: Wer führt uns aus dem Tal der Tränen?“ – „Murks: Wie innovativ ist unser Land?“ – „Arbeitslos, hoffnungslos, nutzlos.“ – „Viel Streit, keine Richtung: Wohin treibt das Land?“
   
Kollektiver Selbsthass
Welch ein grässliches Selbstbild herrscht da? Ein Volk bezichtigt sich selbst als eine Bande von Versagern, Schlusslichtern, Absteigern, Kriminellen, abgezockt, ausgebeutet und dumm, regiert von Politikern, die noch ahnungs- und orientierungs-loser sind als ihre Bürger, dafür gierig und korrupt. Jedes Jahr sind sie bankrotter, die Sozialsysteme kaputter, Steuern höher, Politiker unfähiger. Lösungen? Gibt es nicht. Perspektiven? Keine in Sicht.
    In diesem Großlabor herrscht kein Reform-, sondern ein Motivationsproblem. Denn in Wirklichkeit bieten sich hier alle Chancen. Aber die Probanden nehmen sie nicht wahr: Sie fühlen sich elend. Für das Eurostat-Jahrbuch, das die EU-Kommission jedes Jahr herausgibt, wurde gefragt, wie gesund, wie fit sich diese Menschen fühlten. „Sehr gut“ oder „gut“ gaben 47 Prozent an. Damit lagen sie auf dem letzten Platz. In anderen Ländern wie Italien fühlen sich fast 60 Prozent „gut“ oder „sehr gut“, in Holland, Spanien, Belgien und England waren es um die 70, in Irland und Griechenland gegen 80 Prozent. Umgekehrt lagen unsere Probanden an der Spitze derer, die sich „schlecht“ oder „sehr schlecht“ fühlten: 20 Prozent. In vielen anderen Ländern Mitteleuropas waren es nur zehn, in Holland fünf Prozent, in Irland noch weniger. Der Rosenthal-Effekt ist in diesem Großlabor deutlich zu erkennen: Niedrige Erwartungen führen zu schwachen Leistungen – Wendeltreppe abwärts. Es gibt keine Untersuchungen darüber, ob ein ganzes Land Opfer seiner eigenen negativen Erwartungen werden kann. Professor Rosenthal aber, über 80 Jahre alt, findet die Annahme sehr plausibel. Das Großlabor heißt Deutschland.
Innovationsplattform der Initiative
Es ist wohl kein Zufall, dass „Angst“ eines der wenigen deutschen Wörter ist, das in der englisch Sprache vorkommt. Deutschland ist heute nicht nur das Land der Dichter und Denker, es wird immer mehr zum Land der Untergangspropheten und Angsthasen. Ein Gastbeitrag von Peter Bofinger.
Die betriebliche Arbeits- und Leistungspolitik orientiert sich zunehmend an der globalen Wettbewerbsfähigkeit. Nicht selten schwinden dadurch die Chancen, die individuellen Potenziale einzelner Mitarbeiter optimal zu nutzen.
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